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Published on Ağustos 11th, 2019 | by Avrupa 5

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Auf den Spuren der Guerilla

In Nepal kann man die Geschichte der maoistischen Revolution gegen die Monarchie erwandern. Ehemalige Kämpfer an der Macht angekommen

Der Distrikt Rolpa ist keine Gegend, in die es für gewöhnlich Reisende in Nepal verschlägt. Jetzt bietet die nepalesische Reiseagentur »A1 Excursions« Wandertouren genau dorthin an – auf den Spuren des Guerillapfads der nepalesischen Maoisten.


Im Westen des Himalajastaates gelegen, war Rolpa ein Hauptschauplatz des Bürgerkrieges, in dem die Kommunistische Partei Nepals (Maoistisch) zwischen 1996 und 2006 gegen die Monarchie und das hinduistische Kastenwesen kämpfte. Der Distrikt ist wie die umliegenden Regionen unterentwickelt – selbst nach nepalesischen Maßstäben. Die Lebenserwartung liegt bei 52 Jahren, das durchschnittliche Jahreseinkommen bei etwa 100 US-Dollar. Nördlich an Rolpa grenzt der ehemalige Distrikt Rukum, der ebenfalls ein wichtiges Zentrum der maoistischen Aktivitäten darstellte.

Das zerklüftete Hochland Rolpas wird vor allem von den Kham-Magar bewohnt, die vermutlich um das Jahr 200 aus dem nördlichen Himalaja in das Land gekommen waren. Sie bauen auf dem begrenzten Raum an den engen Schluchten des Flusses Madi Khola hauptsächlich Reis an, in höheren Lagen aber auch Mais, Hirse und Gerste. Immer wieder kommt es in der Region zu ernsthaften Lebensmittelengpässen. Solange Marihuana und Haschisch in Nepal noch legal waren, war Rolpa eine wichtige Region für die Produktion und Verarbeitung. Ganja und Charas, wie die Einheimischen die Produkte nennen, wurden von hier in die Hauptstadt Kathmandu gebracht und in staatlichen Geschäften verkauft, bis die Regierung 1976 auf internationalen Druck hin diese Praxis verbot. Viele Bewohner der Region verdingen sich seitdem als Träger oder einfache Arbeiter in anderen Distrikten. Bis heute gibt es hier keine weiterführende Bildung. Die Einwohner, die vor allem die einheimische Sprache Kham Bhasha sprechen, sind in den Schulen benachteiligt.

Auf dem Trail

Nach Angaben des Veranstalters wurde die jetzt angebotene Route von den maoistischen Widerstandskämpfern benutzt, um während des Bürgerkrieges gegen die Regierungstruppen zu kämpfen. »Sie nutzten diesen Weg für den Waffentransport und um sich zwischen verschiedenen Lagern zu bewegen«, sagt Raj Kumar Thapa von »A1 Excursions«. Die Region, bezeichnet auch als Wiege der maoistischen Revolution, die in zehn Kriegsjahren mehr als 16.000 Menschenleben gefordert hat, könne ein interessantes Tourismusziel sein, das Wissenschaftler, Studenten und Touristen mit speziellem Interesse anziehe, um die »Geschichte hinter der Geschichte« zu erleben. Zudem könne der Trail die lokale Tourismuswirtschaft fördern.

Die Route beginnt in der Stadt Beni im zentralnepalesischen Distrikt Myagdi, 290 Kilometer westlich von Kathmandu. Beni war eine der ersten Distrikthauptstädte, die von den Maoisten kontrolliert wurde. Von dort führt der Weg über das »Dhorpatan Hunting Reserve«, einziges Jagdrevier in dem südasiatischen Staat, in die Distrikte Rukum und Rolpa. Zu den natürlichen Attraktionen entlang der Route gehören Wasserfälle, Flüsse, Höhlen und Seen wie der Kamala Daha (Lotussee). Und der atemberaubende Blick auf die Himalaja-Hauptgebirgskette – etwa mit dem Dhaulagiri-Massiv im Norden.

Der Trail passiert mehr als 30 Dörfer, in denen laut Reiseanbieter Menschen verschiedener Bevölkerungsgruppen gemäß ihren Traditionen leben und wirtschaften. Die Tour ermögliche es, in den Fußspuren der maoistischen Widerstandskämpfer zu wandern und sich vorzustellen, wie sie aus diesem bergigen und fordernden Terrain heraus gekämpft haben. Teilnehmende könnten etwa das einstige maoistische Hauptquartier in Thabang besuchen. Oder auch Lisne Lekh, wo es im Mai 2002 zu einem der heftigsten Kämpfe kam. Regierungstruppen griffen dort ein Trainingslager der Maoisten an und töteten bis zu 650 Rebellen. Der damalige Regierungschef Sher Bahadur Deuba hatte zuvor bei einem Besuch in Washington um US-Hilfe im Kampf gegen die Maoisten gebeten. »Bis heute stehen die Bewohner von Dörfern wie Thabang und den umliegenden Siedlungen zur maoistischen Ideologie,« sagt Thapa. »Aber sie arbeiten mit der neuen Regierung zusammen.« Gefährlich sei der Trail deshalb in keiner Weise.

Maoistischer »Volkskrieg«

Die Kommunistische Partei Nepals (Maoistisch), CPN (M), war 1994 von Pushpa Kamal Dahal, bekannter unter seinem Kampfnamen Prachanda, gegründet worden. Sie war eine Abspaltung der legal gegen die konstitutionelle Monarchie operierenden Kommunistischen Partei Nepals (Einheitszentrum), CPN (UC). Prachanda, zu deutsch »Der Kämpferische«, war 1954 in eine arme Familie im Distrikt Kaski in Zentralnepal nahe Pokhara geboren worden. Im Alter von elf Jahren zog die Familie nach Chitwan, wo ein Lehrer ihm den Marxismus nahebrachte. 1975 machte er seinen Abschluss am Institut für Landwirtschaft und Tiermedizin in Rampur.

1980 übernahm Prachanda die Führung der All Nepal National Free Students Union (Revolutionary) und wurde 1981 Mitglied der Kommunistischen Partei Nepals (Viertes Abkommen). 1989 stieg er zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei Nepals (Mashal) auf, eine Splittergruppe. In mehreren Schritten entstand 1994 schließlich die CPN(M). Prachanda lebte lange versteckt und kontrollierte ihren geheimen Arm, während eine andere wichtige Figur, Baburam Bhattarai, den politischen Zweig »United People’s Front« im Parlament in Kathmandu vertrat.

Im Februar 1996 rief die CPN (M) schließlich den »Volkskrieg« aus, um Rechte für die verarmten Bauern zu erkämpfen, die Entwicklung in den benachteiligten ländlichen Regionen voranzutreiben und eine kommunistische Republik mit einer Einheitspartei zu etablieren. Prachanda war der Anführer dieses bewaffneten Rebellenaufstands gegen die feudalen Institutionen und gegen die Monarchie in Nepal. Seit Beginn des »Volkskriegs« lebte er mit rund 10.000 Kämpfern vollständig im Untergrund.

Auf Scharmützel mit lokalen, oft überforderten Polizeibeamten, die schlecht trainiert und ausgerüstet waren, folgten bald Angriffe der Maoisten auf Kasernen, bei denen sie moderne Waffen erbeuteten. Die Armee reagierte, der Guerillakrieg brach aus. Es folgten Angriffe in Distrikthauptstädten und auf Armeeposten sowie Streiks, in deren Folge etwa Kathmandu von der Versorgung mit Treibstoff abgeschnitten wurde. Bald operierten die Maoisten in weiten Teilen des Landes. Hochburgen der CPN (M) waren neben den westlichen Distrikten Rolpa und Rukum, wo die Revolte ihren Anfang genommen hatte, Jajarkot und Salyan, teilweise auch die Hauptstadt Kathmandu.

Die CPN (M) war gut verbunden mit den sogenannten Naxaliten, die bis heute im Nachbarland Indien, besonders in den zentralen, von indigenen Adivasi bewohnten und wirtschaftlich schwachen Regionen, gegen die Regierung kämpfen. Sie unterhielt zudem gute Beziehungen zur Kommunistischen Partei Perus (Leuchtender Pfad) und war Mitglied der Revolutionären Internationalistischen Bewegung.

Im Februar 2005 übernahm König Gyanendra die absolute Macht in Nepal und schwor, die Maoisten zurückzuschlagen. Im September 2005 kündigten die Rebellen einen einseitigen Waffenstillstand an, den die Regierung aber ablehnte. Im November 2005 verbanden sich die Maoisten schließlich mit sieben weiteren politischen Parteien zu einer losen Allianz, um die Herrschaft des Königs zu beenden.

Die Überwindung der Monarchie wurde weltweit als Sieg der Demokratie gefeiert. Doch die maoistischen Guerilleros schienen, sobald sie an die Regierung kamen, nicht lange ihren Grundsätzen treu zu bleiben. Heute gibt es mit Ausnahme einer kleinen Splittergruppe keine maoistische Partei mehr im Land. Die Partei unter Prachanda hat sich 2018 mit der moderaten Kommunistischen Partei Nepals (Vereinigte Marxisten-Leninisten), abgekürzt UML, vereint, um die Nepalesische Kommunistische Partei (NCP) zu bilden. Die NCP ist derzeit die regierende Kraft in Nepal.

Doch nicht nur rangelten die einstigen Widerstandskämpfer auf eine Art, die Hardliner beschämte, mit der UML um Sitze, Macht und Präsenz. Auch mussten sie hinnehmen, wie der Konsens mit der Vereinigung nach rechts wanderte – die UML hat mittlerweile selbst ihre Skepsis an der freien Marktwirtschaft und an Auslandsinvestitionen aufgegeben. Zudem häuften sich Vorwürfe der Korruption gegen Prachanda und sein politisches wie privates Umfeld.

Neue Gegner

Jetzt droht eine neue Gefahr. Am 22. Februar dieses Jahres starb ein Mensch, zwei weitere wurden schwer verletzt, als eine Bombe am Eingang des Büros von Ncell, einem multinationalen, privaten Mobilfunknetzbetreiber in Nepal, in der Hauptstadt Kathmandu explodierte. Am selben Tag wurden Bomben auf mehr als ein Dutzend Masten des Telekommunikationsunternehmens abgefeuert. Zwei Tage nach der Explosion riefen Mitglieder der Kommunistischen Partei Nepals (CPN), angeführt von Netra Bikram Chand, die Korrespondenten der wichtigsten Medien an, um die Verantwortung für die Anschläge zu übernehmen. Die Gruppe hat sich bereits 2012 von der maoistischen Partei abgespalten, als ihre ehemaligen Genossen zu Macht- und Wohlstandspositionen aufstiegen. Sie lehnte den Friedensprozess ab und begann, eine neue »einheitliche Revolution« zu planen. Mit friedlichen und gewalttätigen Aktivitäten wolle sie »die Revolution vollenden«.

Die politischen Parteien nahmen Chand und seine Partei wegen der geringen Stärke und der begrenzten Präsenz in den ersten Jahren kaum ernst. Doch mit der Regierungsbildung im vergangenen Jahr scheint die maoistische Splittergruppe eine Sicherheitsherausforderung für Nepal geworden zu sein. Sie hat in den vergangenen Monaten ihre gewalttätigen Aktivitäten verstärkt. Ihre Führer und Kader, die lange halb öffentlich agiert hatten, sind mittlerweile völlig abgetaucht. Nepalesischen Medien zufolge sammelt die Partei derzeit freiwillig oder durch Erpressung Spenden von Geschäftsleuten.

Lokale Medien zitieren unterdessen die Parteichefs mit der Aussage, sie hätten paramilitärische Kräfte aufgestellt. Sicherheitskräfte haben zuletzt ein Dutzend Führer der maoistischen Partei verhaftet, die im Besitz von Hightechwaffen waren. Viele könnten aus Armeebeständen kommen: Es wird vermutet, dass die Gruppe während des Integrationsprozesses nicht alle ihrer von der regulären Armee erbeuteten Kampfgeräte abgegeben hat. Chand und andere Führer hatten offen Unmut über die Integration maoistischer Kämpfer in die nepalesische Armee geäußert, die Chand als Kapitulation bezeichnete. Auch wurden von den 19.000 von der Mission der Vereinten Nationen in Nepal (UNMIN) überprüften maoistischen Kämpfern nur etwa 6.500 in die nepalesische Armee integriert – der Rest zog sich zurück oder verschwand.

Die Parteien, die 2015 eine neue Verfassung ausgearbeitet haben, stehen nun vor der Herausforderung, einen gemeinsamen Standpunkt zur Sichtweise der neuen aufstrebenden Maoisten unter Chand zu beziehen. Als politisches Problem – oder als eine Frage von Recht und Ordnung? Sowohl in der herrschenden NCP als auch in der Opposition gibt es unterschiedliche Positionen. Baburam Bhattarai, ein ehemaliger maoistischer Ideologe, drängte die Regierung zuletzt, sich an die Splittergruppe zu wenden. Am 5. März warnte er vor dem Parlament in Kathmandu: »Ich mache mir Sorgen, weil wütende Jugendliche die von Chand geführte Partei unterstützen. Wenn es uns nicht gelingt, Stabilität und Entwicklung zu liefern und eine gute Regierungsführung aufrechtzuerhalten, sehe ich die Gefahr, dass die Gruppe weiter an Stärke gewinnt.« Zuletzt hat auch Prachanda sein Schweigen über die Aktivitäten der von Chand geführten Maoisten gebrochen und angekündigt, die Regierung werde einen Ausweg aus dem Problem suchen.

Es ist, als würde sich die Geschichte wiederholen. Kerngebiet der Aktivität der neuen Bewegung unter Netra Bikram Chand sind vor allem Regionen im äußersten Westen und im mittleren Westen des Landes – die Wiege der maoistischen Widerstands, der 1996 begann.

Quelle:jw

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