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Published on Ağustos 15th, 2019 | by Avrupa Forum 3

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Geistliche und Kommunisten als Waffenbrüder – Harry R. Wilkens

Nach einem Burnout landete ich Anfang 1968 in einem Luxemburger Erholungsheim direkt an der deutschen Grenze, mit hübschem weiblichem Personal aus dem nahen Trier, wo man damals noch Luxemburgisch sprach.

Ich hatte mich mit einem jungen, gleichaltrigen Luxemburger angefreundet, der sich als fleißiger Kirchgänger erwies. Moscheen gab es damals noch nicht in diesem Teil der EWG, wie die heutige “EU” abgekürzt wurde. 


Eines Tages, im Streitgespräch, gab ich meiner Verwunderung Ausdruck, dass er, der junge Luxemburger, zwar Kommunist, jedoch gleichzeitig Katholik war. Da wurde der junge Mann aber böse! Er erwiderte mir, dass er in der Kirche immer die Faust in der Hosentasche geballt hielt. Mit dieser Erklärung gab ich mich zufrieden… 

Nun kannte ich ja alle Folgen der italienischen Kultserie “Don Camillo und Peppone” mit dem unvergessenen französischen Komiker Fernandel (8.5.1903-26.2.1971) als den mit Gott bzw. Jesus redenden schlitzohrigem Dorfpfarrer Don Camillo. Dieser war ständig im Streit mit seinem Widersacher, dem kommunistischen Bürgermeister mit Stalinschnauzbart Peppone (Gino Cervi, 3.5.1901-3.1.1974)…

Der Schöpfer dieser erbaulichen Romangeschichten ist der italienische Schriftsteller Giovannino Guareschi (1.5.1908-22.7.1968), der mit seinem Schnurrbart dem Peppone ähnelte. Er stammte wie seine Geschichten und Protagonisten aus der norditalienischen Po-Ebene.

Er war Journalist beim Regionalblatt “Gazzetta di Parma”. 1934 wurde er dort Chefreporter, schrieb Novellen und zeichnete Karikaturen. Nach dem Wehrdienst unter Mussolini war er von 1936 bis 1943 bei der gut gehenden Satirezeitschrift “Bertoldo” tätig. Aber im September 1943 traf eine alliierte Bombe das Verlagsgebäude… 

Als sich Guareschi im Frühherbst 1943 betrunken abfällig über die Faschisten äußerte, wurde er zur Reserve eingezogen, und weil er sich nach Italiens Waffenstillstand mit den Alliierten im September 1943 weigerte, weiterzukämpfen, steckten ihn die Deutschen in diverse Gefangenenlager, zunächst in Polen und dann in Niedersachsen.

In der Nachkriegszeit mischte Widerständler Guareschi mit als Chefredakteur der 1945 gegründeten satirischen Wochenzeitung “Candido”. Aber eine Karikatur zu Staatspräsident Luigi Einaudi brachte ihm eine Anklage wegen Verunglimpfung des Staatsoberhaupts ein sowie acht Monate Gefängnis auf Bewährung. Später folgte eine Strafe von 409 Tagen Gefängnis und einem halben Jahr Hausarrest wegen Beleidigung von Ministerpräsident Alcide De Gasperi, die er antreten musste… 

Für den “Candido” schrieb Guareschi seine ersten Geschichten über Don Camillo und Peppone. Weil sie schnell beliebt waren, veröffentlichte sein Verleger Angelo Rizzoli die Folgen in dem Band “Die kleine Welt des Don Camillo”.


Der Namensgeber war Don Camillo Valota (1912 bis 1998) ein katholischer Priester, Partisan und Gefangener der Konzentrationslager Dachau und Mauthausen. Auch die Romanfiguren Camillo und Peppone waren Partisanen gegen die deutsche Besatzung gewesen. In der italienischen Resistenza gab es fromme Katholiken wie Kommunisten, Republikaner und Anhänger der Monarchie – wie überall im von den Nazis unterjochten Europa. 

In der Region Reggio-Emilia, aus der Guareschi stammte, war der Kampf zwischen Partisanen und Faschisten sowie zwischen einzelnen Partisanengruppen besonders heftig gewesen. Hier gab es besonders viele Tote – und in den Jahren nach dem Krieg blieben besonders viele und tiefe Wunden offen. 

Die Wunden, unter denen Don Camillo und Peppone litten, bestanden bis weit über die Fünfzigerjahre weiter – und das drückte sich in den Kritiken gegen Guareschis Romsn und die spätere Filmserie aus. In Frankreich und vor allem in Deutschland war solch eine Filmproduktion undenkbar. Ganz abgesehen davon, dass es in Deutschland meist nur “inneren Widerstand’ gab und auch nach dem Krieg die Kommunisten verboten blieben, zumindest im westlichen Teil. 

Guareschis Helden Don Camillo und Peppone leben weiter, auch in manchen Dörfern Anatoliens – allerdings mit weniger erfrischendem Humor. Vielleicht nur mit Galgenhumor… Da es den Gegensatz Geistlicher ./. Kommunist faktisch nicht gibt, sind muslimische Don Camillos eher gewitzte Imame. Bei den Juden ist es ähnlich, nur dass in dieser Religionsgemeinschaft ohnehin mehr über sich selber gelacht wird und es entsprechende Wander- und Wunderrabbis gibt…

Der aus Südwestanatolien stammende Hodscha Nasreddin (türkisch: Nasreddîn Hoca) ist der fiktive Protagonist humoristischer Geschichten im gesamten türkisch-islamisch beeinflussten Raum – vom Balkan bis hin zu den Turkvölkern Zentralasiens und den Uiguren Chinas. Auch im übrigen islamischen Asien gibt es lokale Variationen von ihm. Aber wie bei seinem Zeitgenossen (14. Jhd.) Till Eulenspiegel ist seine historische Existenz nicht gesichert. 

Im heutigen Italien gibt es immer noch kleine Welten von Don Camillo. Diese Geistlichen betreiben andere Kämpfe, unter Umständen gegen den lokalen Imam und den Bau einer Moschee. Was fehlt, ist das frühere gemeinsame Kampferlebnis (als Partisanen gegen das System) und die daher stammende Waffenbrüderschaft und der gegenseitige Respekt der späteren Kontrahenten – trotz aller ideologischer Differenzen. 

Wie mein anfangs erwähnter Luxemburger Kommunist huschten Peppone und Genossen dann und wann schnell in die Kirche, manchmal sogar zum Beichten, und die Kinder wurden sowieso getauft… Ähnliches kommt auch in der Türkei und im Balkan vor, und auch in Gemeinden mit orthodoxer Kirche und einem entsprechenden Popen, der vom Widersacher – Kommunist oder Imam – letzthin geachtet wird.

Im heutigen Abendland ist es schon so weit gekommen, dass der humane, bodenständige Dorfpfarrer Don Camillo von der Kirche und von manchen progressiven Päpsten sogar als Vorbild im Glauben gelobt wird…

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